Klaus Berndl

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Victor Klemperer – Man möchte immer weinen und lachen in einem

Victor Klemperer – Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919. Berlin: Aufbau, 2015.

Ein Originalton aus der Revolution, aus der Münchner Räterepublik im Frühling 1919. Ein Quellentext lässt sich eigentlich nicht rezensieren, aber man kann hervorheben, warum er lesenswert ist: Klemperer empfand die Räterepublik als „politischen Fasching“ – bis sie brutal niedergeworfen wurde.

In erster Linie aufgrund des Bildes des Alltags, das hindurchscheint. Das Leben in München war im Frühjahr 1919 eigentlich ganz „normal“ – abgesehen von der Nahrungsmittelknappheit usw. – und auch von der Gründung der Räterepublik war wenig zu merken, geschweige denn von ihrer Regierung. Es zeigt sich, dass die Münchner Räteregierung von Dilettanten gebildet worden war, und da Victor Klemperer viele Insider-Informationen bekam, war ihm schon früh klar, dass diese Regierung zum Scheitern verurteilt war, dass sie sich binnen Kurzem auflösen und verschwinden musste wie ein Spuk.

Die Fehler der Räteregierung

Helläugig sieht er aber, dass die Räteregierung strukturell die Freiheitsrechte und die Sicherheiten, die ein bürgerliches Leben braucht, unterminierte (z. B. durch pauschale Erlaubnisse zur Verhaftung Missliebiger, was der Willkür und der Erpressung Tür und Tor öffnen konnte). Aber der Münchner Räterepublik haftete auch etwas Aufgesetztes, Faschingshaftes, wenig Ernsthaftes an. Zu den groben Ungerechtigkeiten (nicht einmal vom „Revolutionstribunal“), die er fürchtet, kommt es gar nicht. Dagegen sieht sich Klemperer auch schwer enttäuscht von der „schwachen“ bayerischen MSPD-Regierung, die nach Bamberg geflohen ist und außer Flugblätterabwürfen aus dem Flugzeug nichts gegen die Räteregierung tut. In seinen Augen disqualifiziert sich Hoffmann als Führungsfigur

Die Zerschlagung der Räterepublik

Anders auf der Rechten: Epp und sein Freikorps, die preußischen und württembergischen Truppen werden von den Münchnern begeistert empfangen – sie bringen die Befreiung. Die Münchner Bürger betrachtet Klemperer distanziert, als so träge, dass sie zu ihrer Befreiung nichts beitragen würden – was sich dann auch bewahrheitete. Mit dem Einmarsch der Freikorps und der regulären Truppen aber bricht eine Periode der Gewalt an – auf einmal wehrt sich die „Rote Armee“, über Tage hinweg – wogegen die unfassbaren Mordtaten, die die „Weißen“ nun in der Stadt begehen – der rechtsfreie Raum, den sie schaffen – bei Klemperer merkwürdig unterbelichtet erscheint. Dabei schaffen sie genau den politisch-gesellschaftlichen Zustand, den er gefürchtet hat, aber das kommentiert er nicht, während ihn dessen Fehlen unter der Regierung der Räte immer wieder verwundert (ohne, dass ihn das für sie einnehmen könnte). So rangieren der Geiselmord und der Gesellenmord auf gleicher Stufe – und doch waren sie ganz unterschiedliche Taten (ersterer die Erschießung von Mitgliedern der rechtsradikalen, antisemitischen Thule-Gesellschaft und somit politischen Gegnern des Räteregimes, letzterer die Zu-Tode-Folterung von erwiesenermaßen Unschuldigen durch bayerische Truppen; vgl. hierzu Jones, Am Anfang war Gewalt).

Spiegelung in der Retrospektive

Durch die Gegenüberstellung der tagesaktuellen Zeitungsartikel, die Klemperer 1919 für die nationalkonservative Neue Leipziger Zeitung geschrieben hat, und des Revolutionstagebuchs, dass er 1942 verfasste, wird die Quelle in der Rückschau noch einmal reflektiert. Klemperer beschreibt sich als neutral – er ist es nicht. Das zeigt nicht nur sein unterschiedlicher Blick auf die Linke (distanziert) und auf die Rechte (sympathisierend), sondern auch sein Wunsch, eine starke Hand müsse in München eingreifen, und schließlich seinen Eintritt ins Freikorps Epp. Hierbei ist ihm (in der Retrospektive) bewusst, dass jener Franz Xaver (Ritter von) Epp einer der Totengräber der Demokratie war, NS-Mitglied seit 1928, ab 1933 Reichsstatthalter in Bayern, der z. B. Heinrich Himmler zum Parteichef Münchens machte. Er sieht sich selbst politisch in der rechten Mitte positioniert und beobachtet besorgt, wie die Kritik an der Linken in blanken Antisemitismus umschlägt und das Zerrbild vom „jüdischen Bolschewismus“ entsteht. Dadurch sieht er sich isoliert, aber noch nicht persönlich bedroht.

Für heutige Leser ist es verwunderlich, dass der letzte Schluss fehlt, dass die Rechte die größere Gefahr darstellte – aber dieses „Fehlen“ ist verwunderlich nur aus unserer Retrospektive, im Wissen dessen, was kam. Damals war die Zukunft offen, und auch, wenn die Rechte sich vermehrt antisemitisch äußerte, konnte ein Deutscher jüdischer Religionszugehörigkeit durchaus konservativ sein.

Victor Klemperer – Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919. Berlin: Aufbau Verlag, 2016. 263 S. ISBN 978-3-351-03598-3

 

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Category

Allgemein

Date

November 8, 2018

Author

Klaus Berndl

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