Klaus Berndl

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Margaret MacMillan – Die Friedensmacher

Margaret MacMillan – Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte

In das Lob dieses preisgekrönten Werks mag ich nicht einstimmen. Dieses Opus magnum enttäuscht viele Erwartungen. Erste Erwartung: etwas über die Hintergründe, über die Entstehung einzelner Regelungen und Grenzziehungen zu erfahren. Das bleibt aber sehr an der Oberfläche. Die Themen sind wohl auch einfach zu komplex, um sie im Rahmen einer einzelnen Arbeit über den gesamten Vertrag aufzuarbeiten. Damit aber ist der Ansatz bzw. Anspruch dieser Arbeit verfehlt.

Zweite Erwartung: etwas über die unmittelbaren Folgen der Regelungen, sobald sie durchgesickert waren, zu erfahren – und mögliche Rückwirkungen. Bleibt sehr, allzu sehr am Rande.

Wer sind die „Friedensmacher“?

Dritte Erwartung: etwas über die Entscheidungsweisen in den Gremien zu erfahren. Das unterbleibt. MacMillan hat den Blick auf die „Großen Vier“ gerichtet, und gelegentlich gibt es Zusatzinfos über die Zuarbeit einzelner Gremien. Wie sind diese Gremien zustande gekommen, wer saß da drin, wie war dort das Machtgefüge? Auf wen sind einzelne, besonders entscheidende Regelungen im Endeffekt zurückzuführen? Auf wen wirkte welcher Druck von wem? Das versucht sie, aber es verschwimmt immer wieder, und besonders fatal ist an dieser Stelle, dass MacMillan fast auf jeder Seite pauschal von den „Friedensmachern“ schreibt, wobei sie nirgends sagt, wen sie mit diesem Begriff eigentlich jeweils meint: Die „Großen Vier“? Gremienmitarbeiter? Alle zusammen? Es bleibt unklar: Aber ist das nicht einfach unwissenschaftlich?

Wieso „Vertrag“?

Vierte Erwartung: Eine Auseinandersetzung mit der merkwürdigen Tatsache, dass hier kein FriedensVERTRAG abgeschlossen wurde, sondern dass das polemische Wort der Weimarer Rechten vom FriedensDIKTAT in der Basis eine Tatsache benennt, mit anderen Worten: Es wurde nicht MIT dem Ex-Feind verhandelt, sondern ÜBER ihn. Darin unterscheiden sich die Pariser Vorortverträgen von den meisten Friedensverträgen der Weltgeschichte. Natürlich trifft das Argument, dass z. B. die Deutschen mit ihrem Vertrag von Brest-Litowsk gegenüber Russland nicht anders verfahren sind. Aber: Sie haben MIT den Vertretern Sowjetrusslands verhandelt (und hätte nicht Lenin an der Spitze der Revolutionsregierung gestanden, hätten die Verhandlungen sicher länger gedauert und ein anderes Ergebnis für Russland erbracht). Gerade deshalb ist die Frage interessant – warum haben die Alliierten diese zentrale Chance verpasst, moralische Überlegenheit zu zeigen? Und dieser Punkt ist von zentraler Bedeutung – insbesondere, wenn man hier von „Friedensmachern“ spricht, wenn man also behauptet, dass ein Frieden geschaffen wurde. Was ja de facto sowieso nicht der Fall war. Man hat die Basis für ungezählte Konflikte weltweit gelegt, die zum Teil noch heute ungezählte Leben kosten.

Über die Bedeutung der Pariser Vorortverträge für die Politik bis 1923 erfährt man bei Gerwarth, Die Besiegten, mehr. Bei MacMillan nur das „redliche Bemühen“ der „Friedensmacher“, bei denen sich regelmäßig die klassischen nationalen Eigeninteressen gegen den Willen zur Schaffung einer möglichst gerechten Lösung durchsetzte. Dahinter aber stehen Menschen, stehen Absichten.

Aber was ist das auch für eine Hybris! Da haben ein paar Länder gegen ein paar andere Länder einen Krieg gewonnen, und nun machen sie sich daran, auf der ganzen Welt neue Grenzen zu ziehen! Wobei sie von vielen Gebieten, Ländern und Völkern einfach keine Ahnung haben, was sie selbst eingestehen. Das mag DAMALS nichts Besonderes gewesen sein – heute ist es das schon. Und also gehört es als Thema auf den Arbeitstisch einer Historikerin!

Das Problem der Alliierten und das Problem von MacMillan

Fazit: MacMillan legt sehr gut dar, dass die „Friedensmacher“ (wer auch immer damit jeweils gemeint ist) eigentlich gescheitert sind. Schuld daran sind nicht zuletzt die Wilson´schen 14 Punkte, die sich in Europa nun einmal nicht umsetzen lassen, ohne neue Ungerechtigkeiten zu schaffen (ein schlecht beratener US-Präsident), mit denen die Alliierten aber massiv Propaganda betrieben haben. Im vollen Wissen, dass ihre eigenen, mit einzelnen Ländern geschlossenen Geheimverträge ihnen widersprechen, dass sie also (unwissenschaftlich offen gesagt) lügen und betrügen. Und prompt kamen sie bei den Verhandlungen in die Zwickmühle, dass sie nicht alle ihre Versprechungen halten konnten. Das ist die Faktenlage, und daran ist MacMillan nicht schuld. Allerdings hätte man sich angesichts dessen eine differenziertere Herangehensweise und insbesondere Beurteilung erwartet. Statt dessen geht sie jedes Mal darüber hinweg und fängt bei der nächsten Regelung wieder von vorne an. Wobei sie unverdrossen von „Friedensmachern“ schreibt. Wenn man sich fragt, was das soll … kann man darin nur eine bewusste Meinungsführung erkennen, denn eigentlich muss die Beurteilung der untersuchten Verhandlungen an so gut wie jeder Stelle negativ ausfallen (in durchaus unterschiedlichem Grade). Somit aber ist die Meinungsführung der Leser via beschwörender Bezeichnung herzlich plump.

Notiz am Rande: In den USA erschien das Buch unter dem Titel „Paris 1919“ – vielleicht, weil „Peacemaker“ dort als Name eines Colts sprichwörtlich ist?

Margaret MacMillan – Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte. Berlin: Ullstein, 2015. 736 S. ISBN-13 9783549074596

Margaret MacMillan – Paris 1919. Six Month that Changed the World.

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Category

Allgemein

Date

November 26, 2018

Author

Klaus Berndl

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