Klaus Berndl

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Laura Spinney – 1918. Die Welt im Fieber

Laura Spinney – 1918. Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte.

Ein Winterthema – in den Bussen und Bahnen husten und schwitzen die Menschen … und ein Thema, das unbedingt in den Zusammenhang der Novemberstudien zum Jahr 1918 gehört. Hat doch die Grippe den Kurzzeit-Reichskanzler Max von Baden in entscheidenden Augenblicken lahmgelegt. Neben Kriegsende und Revolution ist sie das dritte prägende Element dieser Zeit.

Die Bedeutung der Spanischen Grippe

Die Grippe also, ein Grippestamm, der die Menschheit unvorbereitet traf, und da Geschichte nach wie vor überwiegend in den westlichen Ländern geschrieben wird, war sie bislang wenig beachtet, verglichen mit ihrer Bedeutung. Denn: Einzig in Europa starben im Ersten Weltkrieg mehr Menschen als durch die Krankheit; in Europa ist sie daher weniger wichtig. Den Rest des Globusses traf die Grippe weitaus stärker, wobei man eine absolute Opferzahl bislang nicht nennen kann (aufgrund von zeitlichen Überschneidungen mit anderen Krankheiten und Epidemien). Von 50 bis 100 Millionen Toten ist die Rede, also auf jeden Fall mehr Menschen als im Krieg, und wenn die größere Zahl stimmt, dann mehr als in beiden Weltkriegen zusammen.

Inhalt und Kritik

Laura Spinney informiert sehr umfassend darüber, und zwar über jeden Aspekt. Besonders fruchtbringend war (für mich) die erste Hälfte des Buches, in dem sie den Ausbruch, den möglichen Ausbruchsort, die Grundlage der Benennung, Verlauf und Abwehrmaßnahmen behandelt, und in einem größeren biologisch-medizinischen Teil die biologischen Grundlagen von Viren und ihrer Erforschung. Der historische Teil fällt dagegen zurück – vielleicht eine Frage der Perspektive; wäre ich Biologie, wäre ich vielleicht von jenem Teil nicht so angetan. Die historischen Aussagen sind jedenfalls häufig Spekulation (Traf die Spanische Grippe nun die Deutschen stärker als die Alliierten, ja oder nein? Hatte sie einen Einfluss auf den Ausgang des Krieges? Wieso fehlt der Hinweis auf Kanzler Max von Baden und den Fortgang der Revolution in Deutschland?), und welche gesellschaftlichen Folgen sie hatte, das behandelt Spinney eher kursorisch (nur an wenigen Stellen [Alaska] lässt sich definitiv etwas sagen, alles Weitere ist eher Spekulation; ein Einfluss auf die Künste lässt sich nicht wirklich nachweisen). Der Untertitel führt also in die Irre. In diesem Falle nicht nur der deutsche Untertitel; der englische lenkt auf denselben Irrweg. Versprach man sich also von diesem Versprechen eine größere Verkaufszahl?  

Vergessen

Ein eigenes Thema, dass bei Spinney am Schluss anklingt. Das Vergessen von Ereignissen, von Pandemien und Kriegen, das so unterschiedlich verläuft. Nun, da hat sie Recht. Die Spanische Grippe spielt weder bei Mark Jones noch bei Robert Gerwarth eine Rolle, und Götz Aly nennt sie auch nicht.

Fazit

Wie auch immer, ein Buch, das umfassende Information bringt, über alle Bereiche, die bezüglich dieser Pandemie interessant und wichtig sind, und Laura Spinney gelingt es, das klar und allgemeinverständlich aufzubereiten, sodass auch die Laien im jeweiligen Fachgebiet folgen können. Solche Bücher liebe ich.

Laura Spinney – 1918 Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. München: Carl Hanser Verlag, 2018. 382 Seiten.

Original: Laura Spinney – Pale Rider. The Spanish Flu of 1918 and How it Changed the World. London: Jonathan Cape, 2017.

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Category

Allgemein

Date

Dezember 20, 2018

Author

Klaus Berndl

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