Klaus Berndl

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Robert Louis Stevenson – Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein Klassiker der „Schauerliteratur“, neu übersetzt von Mirko Bonné und illustriert von Robert de Rijn – ein schönes Buch, ein Buch für Bücherliebhaber.

So ein altes Buch lesen?

Lohnt es sich, ein so altes Buch „noch einmal“ zu lesen, eine Schauergeschichte, deren Plot jeder kennt? Beide Aspekte bergen ihre Schwierigkeiten. Zunächst einmal: Wenn der zentrale Punkt der Geschichte, die Verwandlung von Jekyll in Hyde, bekannt ist, funktioniert die Erzählung nicht mehr. Das Rätselhafte ist verlorengegangen – das Rätsel von vornherein gelöst – und da Stevenson hieraus einen guten Teil der Spannung zieht, verpufft die Erzählung. (Oder ist es eine Novelle? Egal.) Hierin muss das Buch heute enttäuschen, unabhängig von der Leistung seines Autors.

Wie hat man das früher gemacht

Lohnt es sich trotzdem, dieses alte Buch zu lesen? Kontra: Man hat damals anders erzählt als man es heute tut. Das „show, don´t tell“ gilt hier nicht – im Gegenteil. Vieles des „Schaurigen“ muss sich der Leser denken, es wird nicht einmal angedeutet. Es wird da eben nur gesagt, dass Hyde Taten begeht, so ekelhaft, dass sich Jekyll deren schämt. Denk dir was, Leserin! Im 19. Jahrhundert hat das offensichtlich funktioniert, sonst wäre die Novelle nicht so berühmt – heute überzeugt es aber nicht mehr so recht. Insbesondere für uns, die wir den Plot schon kennen. Wir erwarten hier deutlich mehr.

Wir kennen es ja gar nicht!

Und nun zum Pro. Denn, und deshalb lohnt sich die Neulektüre durchaus: Wir kennen den Plot keineswegs! Das Buch hat seinen Schwerpunkt nämlich eben nicht auf den Schaueraspekten, es ist kein „Klassiker der Schauerliteratur“, auch wenn es natürlich vom Verlag so bezeichnet werden muss, wenn es seine Käufer finden soll. „Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ ist eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einer Idee. Der Idee des „Bösen“, dem man durch Drogen auf die Sprünge helfen kann – der Idee, dass die unterdrückten Triebe durch ein chemisches Mittel verstärkt werden können, und zwar so sehr, dass sie schließlich die Oberhand gewinnen, bis sie die Fesseln der Zivilisation sprengen können und die Persönlichkeit verändern. Was sublimiert wurde, wird befreit und lässt sich fortan nicht mehr kontrollieren.

Die Modernität und die bleibende Bedeutung des Buches

Hier ist der Punkt, der im geläufigen Plot nicht enthalten ist: Jekyll ist kein schwächlicher, gutmütiger, ja, rein guter Mensch. Sondern er ist erklärtermaßen (von sich selbst so erklärt) ein „normaler Mensch“, der Gutes und Böses gleichermaßen in sich trägt, der sich seine Hörner einmal abgestoßen und seine Sünden begangen hat wie jeder andere Mensch auch. Von dieser seiner Vergangenheit weiß er, und wenn es ihm chemisch gelingt, die Hemmschwellen einzureißen, sodass seine „böse“ Seite die Oberhand gewinnt, dann ist das keine chemisch bewirkte Verwandlung, sondern eben nur die Stärkung eines der Elemente, die er bereits in sich trägt. Daran knüpft sich die zweite Hälfte der Geschichte, dass nämlich nach der Verwandlung, die eigentlich nur eine Enthemmung ist, das Unterdrückte die Oberhand gewinnt und die chemische Keule bald gar nicht mehr braucht, um durchzubrechen. Denkt man an die Beschaffungskriminalität Drogensüchtiger, erscheint das vollkommen realistisch (ok, der Vergleich passt nicht in jeder Hinsicht). Stevenson braucht also gar keine Wunderdrogen, keine großartige Verwandlung und schon gar keine Superkräfte, wie sie alle fixer Bestandteil des Plots sind, der Teil der Populärkultur geworden ist (vgl. z. B. die Jekyll-Hyde-Figur in dem Film Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen). Der Kern ist der Durchbruch der Triebhaftigkeit, das Abstreifen der Fesseln der Zivilisation. Hierin sind Stevenson etliche Kreative gefolgt (Golding, Herr der Fliegen usw.).

Die Geburt des Horrogenres

Auf der anderen Seite ist ihm Bram Stoker mit seinem Dracula gefolgt (1897), elf Jahre später (Stevenson: 1886): Hier tritt das „Gedankenexperiment“ in den Hintergrund, zugunsten des Schauereffekts. Erst damit ist das Horrorgenre begründet, das nichts anderes will als den Grusel zu kultivieren.

Robert Louis Stevenson: Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Übersetzt von Mirko Bonné. Illustriert von Robert de Rijn. Reclam, 2017.

Das Hardcover-Buch ist gedruckt inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich; als E-Book unter ISBN 978-3-15-960870-9 und als Reclamheftchen unter ISBN 978-3-15-019455-3.

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Category

Allgemein

Date

Februar 11, 2019

Author

Klaus Berndl

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