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Klaus Berndl

Lektüren

Wilhelm Bleek – Vormärz

Wilhelm Bleek: Vormärz. Deutschlands Aufbruch in die Moderne 1815-1848.

Bleek, Vormärz 1815
Wilhelm Bleek, Vormärz 1815-1848

Der Vormärz, also die Jahre zwischen dem Wiener Kongress und der Märzrevolution 1848, stehen häufig im Schatten der Geschichtsschreibung und mehr noch im Schatten der Aufmerksamkeit der historisch interessierten Leser/-innen. Umso verdienstvoller, dieser Zeit mal wieder Aufmerksamkeit zu widmen, wie Wilhelm Bleek es tut.

Sein Buch umfasst 23 „Szenen aus der deutschen Geschichte 1815-1848“, wie schon der Untertitel besagt. Jedes mit einem zeitgenössischen sw-Bild illustriert – in gewohnter Beckverlagsmanier sehr schön gestaltet, angenehm zu lesen.

Szenen aus der deutschen Geschichte

Wenn es 23 Szenen sind, die das Buch enthält, ist von Anfang an klar: Eine zusammenhängende Erzählung kann nicht erwartet werden (sie gelingt Bleek dagegen bis Seite 78), sondern ein bunter Reigen von Einzelaufnahmen. Worin der Sinn eines solchen Erzählschemas liegen mag, kann einem wohl kein Historiker und kein Politikwissenschaftler (wie Bleek) erklären – eher der Verlag, der mit der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne heutiger Leser/-innen rechnen muss. Das Buch erweckt auch sonst eher den Anschein, als habe da ein Buch produziert werden müssen, über eine Zeit, über die im Buchmarkt wenig greifbar ist, weshalb eine Marktlücke gefüllt werden musste. Denn es enthält nichts Neues. Es gibt keine innere Notwendigkeit für dieses Buch; Bleek hat es nicht geschrieben, weil er neue Erkenntnisse hätte präsentieren wollen, die unbedingt in die Welt müssen. Es ist 15 Jahre her, dass ich mich im Rahmen meines Studienabschlusses mit dem Vormärz und der Revolution 1848 beschäftigt habe – das Buch geht über den Wissensstand von damals nicht hinaus. Nicht einmal bei der Themenwahl. Also: Szenenwahl. Natürlich, hier sind die ganzen Dauerbrenner, die man gerade von einem Politikwissenschaftler erwarten kann: Wiener Kongress, Verfassungskampf, Wartburgfest, Kotzebue-Attentat, Hambacher Fest, Göttinger Sieben, Karl Marx und dann die Revolution. Es fehlt natürlich auch etwas – gern hätte ich etwas über die Karlsbader Beschlüsse gelesen, die Mainzer Zentraluntersuchungskommission, und noch lieber über die Rheinkrise, dann über die „Gartenlaube“, … mir fällt noch viel ein – aber das thematisiert der Autor eben nicht; ok, das ist seine Entscheidung. Aber: Wenn es um die Kultur geht, dann um Kotzebue, Webers Freischütz, Mendelssohn-Bartholdy und Bachs Matthäus-Passion, Goethes Tod und das Schleswig-Holstein-Lied: Fällt an der Reihe etwas auf? Genau, es geht nur um Männer.

Alte Schule

1940 ist Wilhelm Bleek geboren, also ganz klar „alte Schule“ – aber 1968 war er eben auch schon 28 Jahre. Er hat in seinem Leben was miterlebt. Nun gut, Historiker hinken der gesellschaftlichen Entwicklung immer hinterher, nicht anders kenne ich sie – Politikwissenschaftler wie Bleek aber auch? Hm, ich hätte bei ihnen eine stärkere Orientierung an der Gegenwart erwartet. Jedenfalls: Es sind leider auch alte Fragestellungen, die Bleek hier behandelt. Geht es um Kultur, dann nur um die sogenannte „Hochkultur“, um Männer. Wirtschaft, Wissenschaft: Männer. Politik: ganz klar, nur Männer. Schon vor 15 Jahren waren „fortschrittliche“ Historiker so weit, zumindest einen Absatz zur „Frau im Vormärz“ in solche Bücher einzurücken, auch wenn ihnen dann nicht mehr einfiel als über Eherecht und Kindererziehung zu räsonnieren. Aber bei Bleek gibt es nur eine einzige Frau, Bettine von Arnim, die eines Artikels würdig ist, und weitere (Madame Schlegel, und wie hieß doch gleich die Witwe von „Der Tod von Friedrich Krupp“, um die und deren Sohn es in der Szene dieses Titels ging; nein, ich schlage jetzt nicht nach) werden nur kursorisch behandelt bzw. erwähnt. Verdammt wenig Frauen für ein Deutschland so voller Männer. Wie haben die bloß gelebt, unbeweibt – und, aus der Logik dieses allzu männlichen Blickes heraus gefragt: Wer hat die alle geboren, erzogen, WIE erzogen? – Über weitere fehlende Fragestellungen will ich gar nicht nachdenken. Es ist ein alter Blick auf eine alte Welt.

Szenenreihe

Und dann noch das „Szenen“-Format: Es wird leider nur allzu deutlich, dass dieses marktgängige Schema für die Geschichtsschreibung nicht taugt. Nirgends geht es in die Tiefe, die Themen werden nur angestoßen, rudimentäre Basisinformationen folgen: enttäuschend. Bei begrenzter Seitenzahl pro Thema ist nicht mehr möglich, natürlich: Das Problem ist das Format. Fürs Fernsehen mag so etwas taugen – Infotainment – aber das Buch ist ein anderes Medium, und dessen Möglichkeiten werden hier verschenkt. Wer schon zu einem Buch greift, der/die will von Haus aus mehr als so ein Format bieten kann. Möge der Verlag wenigstens ein wenig Geld damit verdienen, sodass das Buch einen Beitrag zu seinem Weiterbestehen in schwierigen Zeiten leisten kann. Davon abgesehen gilt auch hier: Die Essgewohnheiten werden auch durch den Koch geformt, liefert man nur Häppchen, überfordern Hauptgerichte irgendwann den Magen selbst der Hungrigsten. Ein Buch (!) nach so einem Schema zu produzieren ist nicht konstruktiv, insbesondere nicht in einem so renommierten Geschichtsverlag wie C. H. Beck. Ich will nicht gleich den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören, aber kategoriell ist so etwas ein Verfallsprodukt.

Fazit

Der Aufbau des Buches ist problematisch, aber vom Verlag auch so gewollt. Liest man dann in der Danksagung. Der Autor hat sich leider davon in die Irre führen lassen. Das führt auch zu zahlreichen Wiederholungen – leider aber nicht nur zwischen den Szenen, sondern recht häufig sogar in den Szenen selbst. Beispiele sind in fast jedem Abschnitt zu finden. „Muss man nicht lesen“, könnte also das Fazit lauten. Da ich im Thema nicht mehr drin bin, weiß ich leider nicht, was man stattdessen lesen könnte, wenn einen der Vormärz interessiert. Unterhaltsam und informativ ist das Buch allemal – mundgerechte Betthupferl – und wenn man sich mit der Zeit noch nicht befasst hat, liest man es auf jeden Fall mit Gewinn. Ansonsten als Repertorium. Darüber hinaus ist das Buch eben eine Vorspeisenplatte.

Wilhelm Bleek: Vormärz. Deutschlands Aufbruch in die Moderne. Szenen aus der deutschen Geschichte 1815-1848. München: C. H. Beck, 2019. 336 S. ISBN 978-3-406-73533-2