Dinçer Güçyeter – Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne. Der Prolet als Literatursternchen
Herausgegeben vom Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung und vom Literaturhaus Graz in Verbindung mit dem Institut für Germanistik der Universität Graz. Ja, verdammt: Geht´s noch höher?!? Da kriege ich doch schon Herzklopfen, bevor ich den ersten Buchstaben gelesen habe. Anyway. Dinçer Güçyeter kann damit umgehen. Muss er ja auch, hat ja keine Wahl.
Zur Kunst des Schreibens äußert sich hier ein Lyriker, der auch als Prosaist Ruhm geerntet hat, und der „nebenbei“ einen Verlag betreibt, den Elif Verlag.
Zurück zu den Wurzeln
Nicht zum Handwerk äußert er sich – wie man Wort hinter Wort setzt, bleibt unthematisiert. Dafür gibt´s ja auch schon genug Anleitungen. Güçyeter äußert sich zu den Voraussetzungen des Schreibens, dazu, wie man die eigene Sprache findet, das eigene Thema. Er tut das ohne große Erklärungen – er exemplifiziert es einfach am eigenen Beispiel: Der berühmte Autor nimmt sich eine Auszeit und fährt zurück in die Türkei. Hier sind seine Wurzeln: Wo sind Deine? Was treibt Dich wirklich an? Zehn Jahre Studium der Hochliteratur, zehn Jahre Arbeit an der eigenen Sprache: Damit muss man rechnen, wenn man sich auf das Abenteuer Literatur einlässt.
Die Zwänge der Vermarktung
Was folgt, sind die Schwierigkeiten des Buchmarktes, denn ja, auf den genialischen Schöpfungsakt folgt das Marktgeschrei, und wer sich dessen Zwängen nicht unterwirft, ja, der geht eben unter. Wobei – das denkt man sich bei der Lektüre – das vielleicht nicht das Schlechteste ist, für die eigene Produktion. Unbekannt zu sein heißt, frei zu sein. Bekanntheit – notwendig für jeden geldwerten Verdienst – erschwert gerade auch das weitere Schaffen enorm. Güçyeter ist ständig eingebunden, als Autor wie als Verleger, und neben all den Arbeiten, die keinen Aufschub dulden, neben der ständigen Erreichbarkeit noch die Zeit für die Konzentration zu finden, die es braucht, um literarisch zu arbeiten, das fordert einem wirklich viel ab. Kein Wunder, dass Güçyeter gesteht, er hätte gern mehr Zeit mit seiner Familie verbracht …
Nun ja. Selbst schuld, wer sich die Literatur zum Metier macht!
Schubladen forever
Es folgen einige interessante Gedanken zur Lyrik – zum Rap – zur Sensibilisierung für Sprachspiele, und anschließend zum Schubladenwesen in der Literaturszene: Die gibt es immer noch, die beherrscht nach wie vor das Feld. „Migrantenliteratur“, diese Schublade gibt es, wie es auch die für „Frauen-“, bzw. früher „Hausfrauenliteratur“ gab/gibt, usw. Ja, diese von außen aufgeprägte Kategorisierungen und die Fragen danach haben etwas „Autistisches“: Muss das wirklich immer und immer wieder diskutiert werden … dass die Kategorien einfach nicht passen? Dass sie eine Beschränkung darstellen, in jeder Hinsicht? Schubladen, in die man auch noch von Dritten gelegt worden ist?
… und zum Schluss …
Güçyeter schließt sein Buch mit einem Interview ab, das Iryna Herasimovich mit ihm geführt hat und das den Themenkreis wertvoll erweitert, Richtung Verlegerarbeit, Übersetzungstätigkeit, und auch bezüglich der besonderen Schwierigkeiten der Lyrik in der Gesellschaft (und ihres besonderen Reizes). Mehr will ich gar nicht verraten.
Vom Droschl Verlag ist das alles dann in ein wirklich hübsches Bändchen in englischer Broschur gebracht worden.
