Ilja Bohnet, Folker Bohnet: Der verzauberte Junge von der Brücke. Aus dem Leben des Schauspielers, Regisseurs und Theaterautors Folker Bohnet. Die nachgelassene Biografie. Berlin: edition karo, 2025.
Folker Bohnet – tatsächlich, der Name ist auch heute noch untrennbar mit Bernhard Wickis Film Die Brücke verbunden. Dabei hat Bohnet doch einiges mehr in seinem langen Leben erlebt und geschaffen!
Sein Sohn Ilja Bohnet hat sich mit ihm 2017 zusammengesetzt und hat ihn erzählen lassen, im hohen Alter, und tatsächlich ist dabei ein Rückblick entstanden, der das ganze Schaffen und Leben eines Menschen umfasst (gest. 2020). Aufgewachsen in einem stark künstlerisch geprägten Haushalt, wird er schon früh in die Theaterwelt hineingezogen. Kein Wunder – die Eltern sind doch eigentlich ganz bodenständig tätig, das macht den Reiz der ausgeflippten Künstlercommunity umso reizvoller. Insbesondere, als er dann seine Homo- bzw. Bisexualität entdeckt, die mit den Moralvorstellungen bis in die 80er hinein sowieso nicht kompatibel ist. Also: Künstler! Zunächst – Schauspieler. Aber Kunst heißt Arbeit, in erster Linie; das lernt er schnell.
Es gibt hier einiges zu entdecken, was durchaus über die Person hinaus interessant ist: Was kann man sich erlauben, in den grauen Jahren der BRD? Wo wird das „Mehr Demokratie wagen“ der 70er, das irgendwann auch die Regiearbeit zu prägen beginnt, problematisch – und wie wehrt man sich dagegen? Das „Regietheater“: Wie tief dürfen die Eingriffe des Regisseurs in den Text gehen? Bohnet steht vor der Frage erst als Regisseur, dann als Autor.
Von E nach U und zurück
Von der Schauspielerei rutscht er quasi von selbst in die Regiearbeit: Er hilft eben aus, gestaltet mit, und schließlich erledigt er nicht mehr nur einfach die Arbeit für andere, sondern übernimmt die Regie im eigenen Namen. Ganz ähnlich kommt er zur Schriftstellerei: Ein Schauspieler braucht auch Theaterstücke. Logisch, banal. Da hat sich Bohnet schon der sogenannten „Leichten Muse“ verschrieben: Dieses Wort hätte er wohl gehasst, denn sie ist alles andere als leicht. Die Grenze zwischen U und E, erklärt er nebenbei, die kann gerade in der Theaterpraxis wirklich nicht gelten. Bei U – in seinem Fall: der Komödie – zeigt sich sofort, was gut und was schlecht ist. Die Leute müssen über einen lachen. Tun sie es nicht, war alles vergeben. Bei E kann man sich immer damit rausreden, dass etwas doch ganz anders gemeint und viel hintergründiger und viel blablablaer gemeint war … das macht die Sache eher leichter. Und das sagt einer vom Fach!
Nebenbei fallen in diesen Memoiren eine ganze Menge Namen, die man schon einmal gehört hat … Meine Auswahl beginnt mit Tania Blixen (zu ihr erfahre ich aber leider gar nichts), ich stolpere über Lucchino Visconti und finde meine Höhepunkte in Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze. Alle dazwischen, alles, was an Kulturgrößen in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Rang und Namen hat, tritt hier auf. Bemerkenswert – so ein Leben, im Zentrum all des Trubels – und absolut charmant erzählt. In der vorsichtigen Redaktion seines Sohnes bleibt der Plauderton erhalten; man sitzt quasi mit Folker Bohnet am Feierabend auf der Terrasse und lässt ihn erzählen, und es sprudelt nur so, und man möchte, dass es nie endet. In Buchform gebracht ergibt das einen „Pageturner“.
… und als Zugabe gibt´s noch eine wertvolle Aufstellung aller Werke (Theaterrollen, Regiearbeiten, Stücke) von Folker Bohnet.
