Jens Rehn – Nichts in Sicht. Novelle.
Der Autor ist tot. Spricht man noch über Bücher, deren Autoren tot sind? Für den Buchmarkt sind sie irrelevant – für die Leser deswegen nicht. Gerade wenn ein Buch (implizit) einen überzeitlichen Anspruch erhebt, kann man darüber auch heute und auch in der Zukunft noch schreiben.
Jens Rehn also. Hat zu seiner Zeit einige schöne, wertvolle Auszeichnungen erhalten, wurde vom (verstorbenen) Literaturpapst hoch gelobt und ebenso von einigen (verstorbenen) Großliteraten, und 2003/2018 hat der Schöffling Verlag eine Neuauflage seines Erstlings, „Nichts in Sicht“, auf den Markt gebracht. 2018 – also ist auch die Neuauflage für den Verlag inzwischen irrelevant. Aber für die Leser:innen?
Der Inhalt
Die Novelle „Nichts in Sicht“ beschreibt, wie ein (deutscher) U-Boot-Seemann und ein US-amerikanischer Flieger (abgeschossen) in einem Schlauchboot auf dem Ozean treiben; die Sonne scheint, und es ist „nichts in Sicht“. Dieser Leitsatz, dieses Motiv – der Titel – führt durch das ganze Buch, es ist und bleibt „nichts in Sicht“. Der Ami (ein Arm wurde ihm abgeschossen) liegt im Sterben und stirbt auch schließlich. Der Deutsche verdurstet langsam, bis zum Ende des Buches. In Rückblenden und Szenenwechseln wird vom Anhang der beiden Soldaten erzählt, dem gegenwärtigen, nicht von ihrer Vorgeschichte und nicht von ihrer Motivlage.
Der Roman neigt zur Abstraktion, er nimmt sein Sujet als riesige Metapher … für die Sinnlosigkeit menschlichen Strebens, die Sinnlosigkeit des Todes, des Krieges usw. Keine Frage, das hat die Leser in den Fünfziger Jahren angesprochen (die Frage nach dem Gendern stellt sich also nicht; in den Fünfzigern sind Leserinnen einfach mitgemeint). So konnte man nämlich den ganzen Schlamassel mit der Naziideologie bequem weglassen. Den Schlamassel mit den Menschenrassen zum Beispiel. Dem Über- und den Untermenschen. Der Überheblichkeit der Deutschen (die darin steckt), der Selbstüberhebung über Menschen anderer Kultur, zum Beispiel US-Amerikaner. Und das im Krieg: In dem es eigentlich nur darum geht: Wer ist der Stärkere? Einfach weg damit; kein Thema. Es ist alles eben schlicht Metapher. Und so können sich die Soldaten wie Zivilisten unterhalten, als ob nichts zwischen ihnen wäre, nicht einmal die Frage, wer wen abgeschossen hat (wer wem was angetan hat), und eine Sprachbarriere gibt es auch nicht. Unrealistisch.
Zwei Fragen
Mein erster Einwand: Macht man es sich damit nicht deutlich zu leicht? Macht es sich der U-Boot-Kapitän Jens Rehn damit nicht zu einfach? Zugunsten der Literatur (des Symbols) die Realität einfach zu verleugnen? Meiner Meinung nach gewinnt ein Text damit eben nicht etwas Überzeitliches, sondern er wird zutiefst zeitgebunden. Denn das „Braune“ schimmert an einigen Stellen eben doch durch, es ist der zweite Weltkrieg gemeint, dieser und kein anderer – und also auch er mit allen seinen Spezifika. Dieses Fehlen schreit uns heutige Leser:innen geradezu an. Das Braune stellt bohrende Fragen: nicht zuletzt nach seiner Verleugnung. Die nicht beantwortet werden. Bequem, für den zeitgenössischen Leser 1954.
Dasselbe, interessanterweise, bezüglich des Menschen als sexuellem Lebewesen. Da werden keine Geschlechtsteile benannt, da werden Frauen, die man geradezu geifernd betrachtet, von Kopf bis Fuß betrachtet, aber der „Mittelteil“ wird literarisch einfach übersprungen. Da gerät der „Andere“ (= der Deutsche) in höchste Wut, als er bei den Sachen des Verschiedenen eine Schachtel mit (vermutlich) Pornobildchen findet, obwohl der doch so verliebt in seine Betsy ist! Da erhebt sich der Deutsche zum Richter und schleudert die Schachtel über Bord! Noch bevor er sich der aufgequollenen Leiche entledigt. [Ts, diese Amis … (implizit).] Ist diese parallele Negation des Leiblichen hier auch „Metapher“ und „Überhöhung“? Auf Heutige wirkt eine Formulierung wie „ein Geschmack im Mund wie post coitum“ eher befremdlich. Dieses Ausweichen ins Lateinische! Wir haben es mit einem Mann/Soldaten zu tun, wenn auch mit einem gebildeten, der allein auf dem Ozean treibt, der dem Tode entgegen treibt, ohne Hoffnung, noch jemals einen anderen Menschen zu sehen; wir lauschen seinem Selbstgespräch: Warum also noch diese Schamhaftigkeit? Ist das realistisch? Zu erkennen ist die Verklemmtheit der Fünfziger Jahre: Denn das ist sie doch, und nichts anderes: An die Stelle der Nazi-Ideologie trat nach ´45 zunächst wieder ein rigides Christentum, bevor man sich von den Zwängen der Ideologien etwas allgemeiner emanzipierte.
Zeitbindung und Überzeitliches
Das Buch wurzelt tief und fest in den Fünfziger Jahren, es ist stark zeitgebunden, gerade durch den Willen, überzeitlich zu sein. So hat es uns heute eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Ein „zeitgeschichtliches und ein künstlerisches Dokument“ soll es sein, wie Marcel Reich-Rancki schrieb? Nein. Zeitgeschichtlich nur bezüglich der Fünfziger Jahre und ihrer Rezeptionserwartungen für Literatur, nicht bezüglich des Inhalts. Künstlerisch … naja, da erlaube ich mir kein Urteil, aber es ist nicht ehrlich, sich selbst gegenüber. „Eines der wichtigsten epischen Dokumente des vergangenen Krieges“ (Siegfried Lenz)? Nein, ganz bestimmt nicht, denn es stellt sich der Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg ja eben nicht. Als Lektor hätte ich eingegriffen und dem Autor gesagt: Bei allem literarischen Können, bei allen starken Bildern und grandiosen, bezeichnenden Szenen, bei aller gelungener Komposition: Stell Dich der Frage, wie es mit der Ideologie ist! Der Grundlage des ganzen Geschehens, der Grundbedingung dieser Situation, die du überhöhst. Das “Wer hat wem was angetan” als Grundfrage, das führt zu allem Weiteren. Lass den „Einarmigen“ und den „Anderen“ darüber sprechen. (Und spring ganz nebenbei über deine eigene Schamhaftigkeit.) Ach, und etwas mehr „Lokalkolorit“ täte ich mir auch wünschen: Das Boot, die Kleidung usw. Mach es greifbarer.
Was ist es schließlich, was Shakespeare (nur als Beispiel) seinen überzeitlichen Wert verleiht? Doch gerade nicht, dass er alles Zeitgebundene weggeschnitten und verleugnet hätte (sodass sein Werk für seine Gegenwärtigen leichter goutierbar gewesen wäre; gut für die Vermarktung, des Werkes wie der eigenen Person). Der Wert entsteht, indem man sich der Zeitgebundenheit seines Sujets stellt, indem man es selbst in den Rang der Metapher erhebt und also herausarbeitet, was es in seiner Einzigartigkeit über die Situation hinaus zu sagen hat. Das hat dann (zumindest bessere) Chancen, Literatur „für die Ewigkeit“ zu werden. Wenn man das denn will.
„Rebellisch, zynisch, genialisch“, schreibt Gottfried Benn. Nein, gerade nicht. Verkniffen, verleugnet bis verlogen, und antiseptisch glatt. Und auch noch informationslos.
– Abgesehen davon, dass es sehr verdienstvoll von dem Verlag ist, ein Werk von 1954 einfach noch einmal aufzulegen, und es auch noch so lange (bis heute) im Programm zu halten! –
