Simon Chevrier: Foto auf Anfrage. Roman.
Jeder Autor schreibt als erstes seine Autobiographie; jede Autorin. In dieser oder jener Form. Gilt das wirklich immer? So jedenfalls wirkt auch dieser Roman, erschienen 2025 in Frankreich, ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt du Premier Roman 2025, übersetzt von Christian Ruzicska. Eine Übersetzung also, und nein, ich habe den Roman nicht in seiner Originalsprache gelesen, dafür reicht ein ferngerücktes Schulfranzösisch einfach nicht. Dafür ein hohes Lob dem Übersetzer: Es klingt, als sei dieses Buch auf Deutsch geschrieben. Das ist doch eigentlich das Optimum, was eine Übersetzung erreichen kann: dass es mehr darüber gar nicht zu sagen gibt, so natürlich gestaltet sich das. – Die Autobiographie von Simon Chevrier also? „In seiner Heimat Frankreich wurde der Roman vielfach mit Annie Ernaux verglichen.“ Also ja. Autofiktion (neben dem Brotjob will er Zeit zum Schreiben haben; der goldene Ohrring, S. 71, usw.). Aber auch egal, komplett egal. Ein Roman soll als Roman gelesen werden.
Um was geht´s?
Das Buch protokolliert, geradezu tagebuchartig, die Erlebnisse eines jungen Mannes, der sich nach der Aufgabe seines Studiums ein wenig planlos dahintreiben lässt, einen Job sucht und sich währenddessen immer wieder als Escort verdingt – das Wort kommt in dem Buch nicht vor, Chevrier sagt es klarer: der Sex mit anderen Männern gegen Bezahlung macht. Das wird ganz unaufgeregt gesagt (nicht geschildert), wie alles andere auch: So entsteht eine große Distanz des Protagonisten zu sich selbst. Eine Nüchternheit, die man Klarheit nennen mag – die aber auch eine große Gefühlskälte markiert. Der Sex ist hier ein Körperbedürfnis, das man eben befriedigt, wie alle anderen Bedürfnisse auch. Und drohen Gefühle für andere Menschen zu entstehen, werden sie abgeblockt. S. 38:
- „Hey, Louis, ich denke recht häufig an dich in den letzten Tagen, aber ich glaube, es ist besser, wenn wir es dabei belassen, wegen Thibaut“.
- „Ja, ich glaube, das ist eine sehr gute Idee. Ich hoffe, dass die Sprechstunde gut für dich verlief. Bis dann.“
Gefühle und Viren
Dieses Fehlen der Gefühle ist besonderes in der ersten Hälfte des Romans beklemmend spürbar. Den Bruch bringt das Sterben des krebskranken Vaters: Hier schlägt dieselbe klar-nüchterne Sprache in eine unglaubliche Nähe um, hier tritt eine Intensität des Gefühls vor die Leser:innen, die eine:n umhaut. Gleichzeitig intensiviert der namenlose Protagonist die Suche nach Daniel Schook/Schock, den jungen Mann auf dem Foto, das er zufällig bei Thibaut gesehen hat. „Daniel Schook Sucking Toe (Close-up)“ von Peter Hujar: natürlich das Cover-Bild dieses schlicht-eleganten Bandes aus dem Albino Verlag. Ein Nachspüren nach einem Menschen, der nicht greifbar ist, wird zum Türöffner für die Entwicklung von Gefühlen gegenüber der Welt. Die Sexdienstleistungen werden nun reflektiert, und sie gewinnen etwas Unangenehmes; sie verhindern auch, dass der Protagonist sich auf seinen (jeweiligen) Freund einlässt – wogegen die Sorge um die eigene Gesundheit, die Angst vor dem HI-Virus mit der vor dem Corona-Virus korreliert – und auch mit der (vermuteten) Angst von Daniel Schock, der schließlich – man erfährt es am Ende des Buches – an AIDS gestorben ist, wie so viele seiner Generation, im New York der 80er-Jahre.
Gefühle und Gefühllosigkeit, en gros und en détail
Die Informationen über Daniel Schock nehmen mehr und mehr Raum ein, im Laufe des Romans; Daniel ist elternlos aufgewachsen, findet aber spät, als er schon von seinem baldigen Tod weiß, zu seiner Mutter, und er möchte sie unterstützen; absurder Gedanke (Fiktion, Vorstellung des Protagonisten, des Autors, oder Realität? Das bleibt offen). Aber hier öffnet sich emotional eine neue Welt. Wie sie auch dem Protagonisten eröffnet wird. Die Frage, die man sich anfangs gar nicht stellt, die Frage nach dem Ursprung dieser Gefühlskälte … (und damit hier auch des Erzählstils): Ist sie typisch für die jüngere Generation, ist sie überhaupt ein Merkmal einer ganzen Generation, die sich ihre Freunde auf Grindr sucht? Solche Zuschreibungen zu ganzen Personengruppen taugen nie etwas (außer, dass sie Basis für Vorurteile werden können). Und so zeigt sich auch ganz zum Schluss, dass die Gefühlskälte des Protagonisten (und damit der extrem sachliche Erzählstil) – ihren Wurzelgrund hat. Fragte man sich bei der Lektüre irgendwann, wie weit geht das noch – kann das nicht ewig so weitergehen? Läuft dieser Roman haltlos ins Unendliche, und ist dann sein Ende nur ein Schnitt, den man willkürlich hier, aber auch dort machen könnte, 200 Seiten weiter: Who cares? Nein, das ist nicht der Fall. Der Roman findet seine Rundung in der Schlussszene (Empfehlung: nicht spoilern, man beraubt sich damit der Wirkung dieser Literatur), die die Tür öffnet, die Gefühlskälte zu überwinden. Man spürt es: Jetzt werden Beziehungen möglich, der Protagonist ist auf dem richtigen Weg.
Erweiterung des Horizonts
Ich verstehe gut, dass dieser Roman mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Form und Inhalt fügen sich hier perfekt zusammen, die Erzählweise verstärkt die Wirkung des Inhalts enorm. Und ja, dies ist keine bzw. nicht nur „Schwulenliteratur“ – das schwule Element spitzt hier allerdings in tragender Weise die Aussage zu, die für nicht-schwule Leser:innen genauso berührend ist / werden kann.
Es ist immer wieder eine Bereicherung, Bücher französischsprachiger Autor:innen zu lesen: Häufig setzten sie sich über die Erzählkonventionen der angelsächsischen wie der deutschsprachigen Literaturwelt hinweg, sodass die Lektüre den Autor:innen-Horizont erweitern kann; es geht eben auch anders. Dieses Buch ist ein gelungenes Beispiel dafür.
Simon Chevrier: Foto auf Anfrage. Berlin: Albino, 2026. ISBN 978-3-86300-403-3. 154 S.
Simon Chevrier: Photo sur demande. Éditions Stock: 2025. ISBN 978-2-234-09772-8. 192 S.

