Ute Schusterreiter – Purpurträume. Roman.
Ich kann diesen Roman eigentlich nicht klassisch rezensieren, denn ich habe ihn lektoriert, bin also beteiligt. Ich habe ihn aber lektoriert, weil ich schon von dem Manuskript überzeugt war. Entsprechend schreibe ich auch aus Überzeugung über ihn: Ich möchte erklären, warum ich ihn lesenswert finde und empfehlen möchte.
Gute Literatur nimmt einen auf die eine oder andere Art gefangen. Sei es durch eine spannende, gut durchdachte Handlung, sei es durch eine besondere Schreibweise, sei es durch interessante Prota- und Antagonisten. Dieser Roman kann auf allen drei Ebenen punkten.
Zunächst ist er ein klassischer Spannungsroman – er läuft unter dem Label „Thriller“, durchaus zu Recht, allerdings verdeckt das Label, dass er weitaus mehr Tiefgang hat als ein Standard-Spannungsroman. Denn Spannung ist nicht alles. Wer in diese Lektüre einsteigt, merkt das recht schnell. Zu Beginn sehen wir eine junge Frau, Ava, in Ost-Berlin zu Hause, die von einem gewaltbereiten Stalker beobachtet wird. Aber was ist mit Ava, warum kleidet sie sich wie eine Frau aus der Renaissance – und findet das ganz normal? Warum spricht ihre Katze (?). Ava hat offenkundig einen Teil ihrer Erinnerung verloren, und es wird mühsam, sie wiederzugewinnen. In Berlin begegnet sie einigen Personen, die ihr Hilfe anbieten, allerdings keineswegs so selbstlos, wie das zunächst aussieht. Und dann steigt sie in die Tiefe der Vergangenheit hinab: Ava schreibt ein Buch über Giulia Gonzaga …
Eine andere Zeit – und ihre Gegenwart
Und damit sind wir im 16. Jahrhundert, im Zeitalter der Reformation, in der Gonzaga und Carnesecchi versuchen, den Papst zu einer Öffnung gegenüber den Gedanken der Reformation zu bewegen … ganz klar, die Autorin weiß genau, wovon sie spricht; sie kann die vergangene Welt in einigen Passagen mit traumhaft sicherer Hand realisieren. Und, wer wusste vor der Lektüre dieses Romans, dass es diese Diskussion tatsächlich gegeben hat? Dass die Entscheidung für oder gegen eine Reformation am Heiligen Stuhl tatsächlich eine gute Zeit lang offen war? Wer weiß, wie die Diskussion endete, was Giulia Gonzaga und Pietro Carnesecchi widerfahren wird? Als Leser:in erfährt man darüber einiges, und ja, Ute Schusterreiter gelingt es, uns die damaligen Handlungsweisen so zu vergegenwärtigen, dass man ihre Schrecken mitempfindet. Bloß, weil eine Tat länger zurück liegt, hat sie nicht weniger Schrecken als jüngst Vergangenes. Nicht zuletzt, da die Verbrechen (ja, Verbrechen) in der Gegenwart selbst aufgegriffen werden, von einer wildgewordenen erzkatholischen (?) Sekte, die sich genau daran orientiert.
Zwei Freunde – oder Gegner?
In Avas „Weggefährten“ Gero und Samu erleben wir zwei sehr unterschiedliche, gegensätzliche Charaktere: Der eine unbedingt hilfsbereit, selbstlos – der andere aus einer Zwangslage heraus zwielichtig und wetterwendisch bis zur letzten Seite, wiewohl man immer mehr Mitgefühl für ihn empfindet. Dazwischen Ava, die – wie die Leser:innen – nicht mehr recht weiß, wem sie trauen kann. Denn beide spielen ihre eigenen Spiele, nebenbei. Beide sind sie schwul, was in Deutschland kaum mehr eine Rolle spielt – für Sektierer allerdings schon, und in Süditalien kann man damit gut Skandal machen. Wenn man ihn braucht. Und es gibt Situationen, da ist das richtig hilfreich. Zum Beispiel, wenn man einen Heiligen vom Altar klauen muss – mitten im Gottesdienst.
Was geht hier vor sich?
Ava findet eine Leiche, tief unten im Keller einer traumhaft schönen Villa bei Neapel. Sie modert dort schon länger … und in derselben Villa ist auch Avas Mann verschollen. Wer ist der Tote? Und was ist mit Avas Mann, einem Wissenschaftler, der sein Sabbatical nutzt, um die Gonzaga-Carnesecchi-Reformations-Papst-Geschichte aufzuarbeiten. Zu der er ein faszinierendes Dokument gefunden hat … dessen Veröffentlichung die Sekte auf Teufel komm raus verhindern will. Man kann es drehen, wie man will: Die Vergangenheit wirkt ganz unmittelbar in die Gegenwart hinein. Es ist klar, dass es hier nicht für jede Person ein Happy End geben kann …
Doch damit ist schon mehr als genug verraten.
Also, absolute Leseempfehlung – insbesondere für die Tage zwischen den Jahren, zum Abtauchen ins wilde Berlin, für den nächsten Urlaub im traumhaft schönen, traumhaft purpurnen Süditalien.
Schade nur, für mich, dass ich das Buch schon gelesen habe – ich würde gerne noch einmal so unbefangen in diese Welt eintauchen wie bei der ersten Lektüre, mit offenen, staunenden Augen.
… ist auch ein Lesetipp von Radio 889FM Kultur!
Ute Schusterreiter – Purpurträume. Roman. Hamburg: BoD, 2025. 494 S. ISBN 9783695198993.
